Reiche Himbeerernte mit Polens Bio-Wende

Öko-Landbau wird auch in Polen immer wichtiger. Der allergrößte Teil der Bio-Produktion geht in den Export – allen voran nach Deutschland. Von Anfang an ganz vorne mit dabei: Der Naturland Betrieb Bioberry mit leckeren Bio-Himbeeren.

Juni | 2024
Bildrechte: © Naturland/Christian Nusch

In langen Reihen ziehen sich die Sträucher den Hügel hinauf und wieder hinab. Während er den Mitgliedern der Familie Stawomin dabei zusieht, wie sie ernten, steckt sich Artur Tymiński immer wieder selbst eine der Himbeeren in den Mund. „Qualitätskontrolle“, grinst er. Dann inspiziert der polnische Chef von Bioberry die Gefriercontainer, die er auf dem Naturland Hof der Familie aufgestellt hat. Alle, die im Dorf Bio-Himbeeren anbauen, bringen ihre Ernte hier her. „Sobald sie voll sind, lassen wir die Ernte abholen, verpacken sie und schicken sie nach Deutschland.“

 

Bio-Anbau ist in Polen vergleichsweise jung. Während im Westen Europas bereits in den 70ern immer mehr Landwirt:innen auf Öko-Landbau umstellten, wurde in Osteuropa noch in den 90ern fast ausschließlich konventionell angebaut. Als Artur Tymiński 1998 zum ersten Mal Bio-Ware einkaufen wollte, fand er keine Bäuerinnen und Bauern, die das anboten. Erst ein Projekt der Weltbank läutete die Bio-Wende ein. „Die wollte, dass rund um den Świętokrzyski Nationalpark weniger Pestizide eingesetzt werden und gab Subventionen für die Umstellung“, erinnert sich Artur, der das Projekt damals leitete. Am Anfang konnte er gerade mal fünf Betriebe davon überzeugen, mitzumachen. Dieser Hand voll ersten Bios kaufte er ihre Ernte zu guten Preisen ab. Das sprach sich herum, nach vier Jahren waren 250 Landwirt:innen dabei. Mit dem Beitritt Polens zur EU nahm der Bio-Anbau dann richtig Fahrt auf. Inzwischen sind es allerdings weniger neue Bio-Betriebe, die dazu kommen, sondern vor allem zusätzliche Flächen.

Polen ist weltweit einer der wichtigsten Beeren-Produzenten.
Polen ist weltweit einer der wichtigsten Beeren-Produzenten.

Auch Mnich Stawomin weitet seinen Anbau aus. Er hat in den letzten Jahren acht Hektar dazugekauft.

„Alle wissen: Wenn du Land verkaufen willst, wende dich an einen Bio-Bauern. Die suchen immer“

Der Familienvater denkt dabei auch an eine Perspektive für seine Söhne. Beide wollen in die Landwirtschaft. Der Ältere, Konrad, studiert bereits Agrarwissenschaften, der Jüngere, Lukasz, hat das vor, sobald er mit der Schule fertig ist. „Bio-Anbau ist die Zukunft der Landwirtschaft“, ist der 16-Jährige überzeugt. „Unser Vater hat einen guten Grundstein gelegt. Wir werden das weiterführen. Pestizide verursachen rund um die Welt immer mehr Probleme. Das muss und wird sich ändern. Als Naturland Bio-Bauern sind wir Vorreiter und haben eine gute Ausgangsbasis, um uns dieser Veränderung zu stellen. Und deshalb eine viel bessere Perspektive für die Zukunft als die Kinder konventioneller Bauern.“

 

Mnich Stawomin weitet seinen Anbau aus und hat in den letzten Jahren acht Hektar dazugekauft.
Mnich Stawomin weitet seinen Anbau aus und hat in den letzten Jahren acht Hektar dazugekauft.

Allerdings produziert Familie Stawomin bislang hauptsächlich für den Export. In Polen selber ist Bio noch eine sehr kleine Nische, die nur langsam wächst. „Viele Menschen hier wissen gar nicht, was Bio-Anbau eigentlich bedeutet. Und wenn sie es wissen, haben sie kein Vertrauen darin, dass wir tatsächlich anders produzieren. Sie glauben, dass nachts heimlich gesprüht wird“, erklärt Artur das Problem. „Es reicht nicht, die polnischen Landwirte mit Subventionen zu fördern, es braucht auch Aufklärungsarbeit bei den Kunden, damit sie verstehen, was Bio für ihre Gesundheit und die Umwelt bedeutet.“ Bis Artur seine Bio-Beeren in größeren Mengen auch in Polen verkaufen kann, wird es noch dauern. Umso dankbarer ist er, dass er mit Deutschland einen zuverlässigen Abnehmer hat.

Familie Stawomin produziert bislang hauptsächlich für den Export und hat mit Deutschland einen zuverlässigen Abnehmer.
Familie Stawomin produziert bislang hauptsächlich für den Export und hat mit Deutschland einen zuverlässigen Abnehmer.

Steckbrief zum Betrieb

Bioanbau seit 2007, bei Bioberry seit 2013, Naturland zertifiziert seit 2015

Inhaber: Mnich Stawomin
Höhenlage: 200 m über N.N.
Durchschnittliche Niederschläge: 500 mm
Betriebsfläche: 20 Hektar
Vermarktung: Bioberry, seit der Gründung im Jahr 2013 von Naturland zertifiziert
Arbeitskräfte: Familienbetrieb mit fünf Familienmitgliedern. Sechs permanente Arbeitskräfte, zur Erntezeit zusätzlich 30 Helfer
Erzeugnisse: Himbeeren (12 Hektar), Erdbeeren (4 Hektar)

Beeren und Bio in Polen

Nummer Eins

Ob Bio oder Konventionell: Polen ist weltweit einer der wichtigsten Beeren-Produzenten. Gut die Hälfte aller in der EU geernteten Himbeeren kommen von hier. Auf Platz zwei folgt mit großem Abstand Spanien mit einem Anteil von 22 Prozent.

Region Lubelskie

Hauptanbaugebiet für Himbeeren ist die Region Lubelskie im Osten Polens. 85 Prozent der polnischen Produktion kommt von hier. Im Schnitt werden jährlich rund 100.000 Tonnen produziert, die hauptsächlich in den Export gehen. Im Vergleich: In Deutschland wurden im Jahr 2023 unter 7.000 Tonnen produziert – Tendenz sinkend. Insgesamt fallen nur ca 0,5 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland auf den Obstanbau.

Rasanter Zuwachs

Als sich 1990 die Grenzen öffneten, gab es in Polen gerade einmal 27 Bio-Betriebe. Mit dem Eintritt Polens in die EU, stieg die Zahl steil an. Heute produzieren 21.200 polnische Landwirt:innen nach ökologischen Grundsätzen.

Mehr Bio-Fläche

Seit 2004 hat sich die Fläche mit ökologischem Anbau in Polen mehr als versechsfacht und macht inzwischen 5 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Areale aus. Zum Vergleich: In Deutschland sind es mehr als 11 Prozent.