Naturland e.V.

Interview mit Norbert Schäffer (Landesbund für Vogelschutz in Bayern LBV e. V.) und Hubert Heigl (Naturland Präsident)

Biodiversitt

Öko-Landbau und Artenschutz gehören zusammen – nicht zuletzt auch in den Augen der VerbraucherInnen, die Öko-Produkte kaufen. Naturland wird künftig eng mit dem Landesbund für Vogelschutz Bayern e.V. (LBV) zusammenarbeiten. Wie es dazu kam und was genau geplant ist, erzählen die Vorsitzenden der beiden Verbände, Dr. Norbert Schäffer und Hubert Heigl, im Interview mit den Naturland Nachrichten.

NN: Naturland und der LBV wollen künftig zusammenarbeiten. Wie kam es dazu?

Heigl: Kontakte gab es tatsächlich schon länger, noch aus der Zeit meines verstorbenen Amtsvorgängers Hans Hohenester. Intensiviert hat sich das aber nun mit der gemeinsamen Arbeit am Runden Tisch zum Volksbegehren Artenvielfalt in Bayern. Das war gewissermaßen die Initialzündung.

Schäffer: Ja, die Arbeit am Runden Tisch war sehr intensiv, da haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Und da lernt man sich natürlich kennen. Es war klar, dass wir Gemeinsamkeiten haben, wenn wir auch nicht bei jedem Punkt übereinstimmen. Die Intensität des Runden Tischs hat dann dazu geführt, dass wir uns dachten, wir könnten systematischer zusammenarbeiten, worüber ich persönlich mich sehr, sehr freue.

NN: Hubert, Du bist mittlerweile auch Mitglied im LBV geworden. Warum?

Heigl: Weil ich die Arbeit des LBV für sehr wichtig und wertvoll halte. Wir hatten schon privat Berührungen mit der Arbeit des LBV. Unser Sohn hat in seiner Schulzeit mal ein Jahr in der Vogelstation in Regenstauf mitgearbeitet. Dann haben wir bei uns in der Nähe, in der Hammermühle, ein Projekt zum Fledermausschutz, das vom LBV maßgeblich initiiert worden ist und das ich ganz hervorragend finde. Da bei geht es um das Große Mausohr…

Schäffer…die Große Hufeisennase…

Heigl: (lacht)… um die Große Hufeisennase, richtig! Ein tolles Projekt jedenfalls, das auch Rinderbeweidung mit Waldweidesystemen einschließt. Und mit der offiziellen Partnerschaft unserer beiden Verbände, die jetzt dazu kommt, dachte ich mir, ich will das auch durch eine private LBV-Mitgliedschaft unterstützen.

NN: Naturschutz und Landwirtschaft werden häufig als Gegensatz wahrgenommen oder dargestellt. Die verschiedenen Volksbegehren zum Artenschutz in Bayern, Baden-Württemberg oder anderswo zeigen, dass auch Öko-Bauern zum Teil neue Naturschutzauflagen fürchten. Wie sehen Sie das? 

Heigl: Der Öko-Landbau verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz als die konventionelle Landwirtschaft. Das positive Miteinander von Boden, Wasser und Tierschutz steht bei uns im Zentrum unserer Arbeit. Und es ist unser Anspruch, dass dieses positive Miteinander auch die Gesellschaft einschließt.

Natürlich machen Eingriffe von außen – sei es durch Ordnungsrecht oder durch ein Volksbegehren – zunächst einmal keinem Bauern Spaß. Das kann mit Veränderungen im Betriebsablauf verbunden sein, mit Einschränkungen und allzu oft auch mit Bürokratie. Solche Vorbehalte gilt es abzubauen – was im Umkehrschluss aber auch heißt: Es darf keine einseitigen Forderungen der Gesellschaft an die Landwirtschaft geben. Wir müssen aufeinander zugehen. Ziel ist ein konstruktives Miteinander zum Wohle von Landwirtschaft und Naturschutz.

Schäffer: Fakt ist, dass wir in der Agrarlandschaft sehr viel biologische Vielfalt verloren haben. Und zwar nicht nur bei den Insekten, sondern auch bei den Vögeln. Brutvögel wie Braunkehlchen oder Rebhuhn, die früher zu den häufigen Arten in der Agrarlandschaft zählten, haben in den vergangenen 40 Jahren nachweislich um mehr als die Hälfte abgenommen. Es gibt große Flächen, wo wir überhaupt keine Feldlerchen mehr haben, keine Kiebitze und keine Rebhühner. Das Volksbegehren war in diesem Sinne eine Notwehrmaßnahme: Es ging nicht mehr anders.

Uns ist durchaus bewusst, dass es für Landwirte schwierig ist, das zu akzeptieren. Ich möchte deshalb unbedingt betonen, was ich immer wieder gesagt habe: Wir sehen die Landwirte nicht als die Täter! Die Landwirte tun nichts Illegales, sie handeln im vorgegebenen Rahmen, insbesondere was Förderungen angeht. Diesen Rahmen müssen wir ändern.

NN: Was soll vor diesem Hintergrund die gemeinsame Partnerschaft von LBV und Naturland zusätzlich bewirken?

Schäffer: Ich muss zunächst noch einmal betonen, dass wir als LBV nicht gegen die konventionelle Landwirtschaft sind. Wir sehen gewisse Probleme, gewisse Herausforderungen, aber wir fordern nicht 100 Prozent Öko-Landwirtschaft. Die Öko-Landwirtschaft ist in der Regel besser für den Boden, für Klimaschutz, Grundwasserschutz usw. Aber auch ein Öko-Betrieb erzeugt nicht automatisch mehr Feldlerchen, gerade wenn er sehr intensiv wirtschaftet. Da wollen wir ansetzen und zusammenarbeiten.

Wir wollen gemeinsam Maßnahmen eruieren, die in der landwirtschaftlichen Praxis umsetzbar sind und zugleich wirklich etwas bringen für die biologische Vielfalt. Ich bin überzeugt, dass wir damit bei vielen Naturland Bauern auf großes Interesse stoßen werden. Man kann mit wenigen Maßnahmen sehr viel erreichen; dabei wollen wir die Naturland Betriebe begleiten. Das Ziel ist, dass es am Ende auf Naturland Betrieben wirklich mehr Vögel gibt.

Heigl: Ich kann das nur bekräftigen. Der Öko-Landbau hat per se viele Vorteile, aber es gibt auch im Öko-Landbau verschiedene Intensitätsstufen der Bewirtschaftung. Unser Anspruch als Naturland ist es, dass wir mehr leisten für Umwelt, Klima, Tierschutz und Biodiversität. Deshalb wollen wir das Fachwissen des LBV als Naturschutzverband nutzen, um unsere Anbausysteme in der konkreten betrieblichen Praxis zu optimieren, so dass am Ende alle profitieren.

NN: Was ist konkret geplant?
Heigl: Es gehört zu unserem Selbstverständnis bei Naturland, dass wir unsere Mitgliedsbetriebe bei der Weiterentwicklung unterstützen – in Fragen der Produktion, aber eben auch in Fragen des Umwelt- und Naturschutzes. Dabei spielt die Fachberatung für Naturland eine zentrale Rolle, und über diesen Weg wollen wir auch in diesem Fall gehen. Denn unsere Berater kennen die Betriebe mit all ihren konkreten Bedürfnissen und es gibt hier großes Vertrauen. Wir beginnen deshalb mit Biodiversitätsschulungen für unsere Beraterinnen und Berater, die ihr Wissen und ihre Erkenntnisse dann hinaustragen in die Betriebe, Verständnis wecken und auch schon erste Maßnahmen umsetzen.
Schäffer: Es gibt auf den Feldern und Weiden einen großen Schatz Artenvielfalt, den wir gemeinsam heben können – und dafür müssen wir oftmals nur an ein paar kleinen Stellschrauben drehen. In die-sem Sinne wollen wir den Betrieben ganz konkrete Maßnahmen vorschlagen, diese durchführen und dann gemeinsam bewerten, ob das so funktioniert.

NN: Es gibt ja sehr vielfältige Betriebstypen bei Naturland. Geht es um alle gleichermaßen oder werden bestimmte besonders in den Fokus genommen?
Heigl: Grundsätzlich ist die ganze Palette unserer Betriebstypen eingeschlossen und sollte sich auch beteiligen – zu Beginn aber in unterschiedlicher Ausprägung. Erste Ideen gehen in Richtung der Erprobung von Modellen „abgestufter Grünlandnutzung“ beziehungsweise „abgestufter Ackernutzung“. Das bedeutet, dass ein Betrieb sich für die Produktion auf seine besseren Standorte konzentriert, während auf den ohnehin schwächeren Standorten mehr Naturschutzmaßnahmen realisiert werden können, die dann auch effektiver sind.
Schäffer: Öffentliche Leistungen der Landwirte für Umwelt- und Artenschutz müssen mit öffentlichen Geldern entlohnt werden – dieses Prinzip ist ganz unbestritten und muss weiter gestärkt werden. Aber es reicht nicht, einfach nur möglichst viele Maßnahmen durchzuführen, so wie das beim Greening derzeit der Fall ist, sondern wir wollen messbare Effekte erzielen. Was zählt ist, dass wir den Rückgang der Biodiversität aufhalten und zugleich die Landwirte weiter gut von ihrer Arbeit leben können. An dieser Stelle kommt das Prinzip der „abgestuften Nutzung“ ins Spiel. Es erlaubt uns, konkret hinzuschauen: Haben wir durch das Handeln draußen tatsächlich mehr Feldlerchen? Wenn ja, ist es gut, wenn nein, müssen wir nachjustieren.

NN: Das heißt, es ist auch eine Evaluierung geplant?
Schäffer: Auf jeden Fall. Es ist auch für die Betriebe selbst wichtig zu sehen, dass ihr Engagement sich lohnt. Wir wollen Maßnahmen, bei denen wir wissen, das bringt etwas für die biologische Vielfalt, es ist durchführbar, realistisch und auch finanziell möglich. Um das zu zeigen, wollen wir in einem späteren Schritt vielleicht auch ein Netzwerk mit „Naturland Höfen der Artenvielfalt“ aufbauen.

NN: Es geht also um ein ergebnisorientiertes Beratungskonzept. Oder ist darüber hinaus auch eine neue Biodiversitätsrichtlinie für Naturland geplant?
Heigl: Die Priorität liegt nicht auf der Erarbeitung neuer Richtlinien. Wir starten mit einem Praxisansatz, indem wir über die Fachberatung an die Betriebe herantreten und gemeinsam Maßnahmen erproben, deren Erfolg wir im Lauf der Zeit evaluieren. So kann auch die Einsicht wachsen, dass die Maßnahmen positiv sind.

NN: Wann geht’s los? Was sind die ersten Schritte?
Heigl: Die ersten Schritte sind schon eingeleitet. Das Schulungskonzept für die Fachberatung ist fertig und das Interesse der Kolleginnen und Kollegen ist da. Wir haben Anmeldungen von Beratern aus dem kompletten Bundesgebiet bekommen. Die erste Schulung findet im Februar 2020 statt.

 

Das Interview führte Markus Fadl, Naturland e. V.