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Naturland Fair

In Peru kultivieren Naturland Bäuerinnen und Bauern der Kooperative Agropia auf ihren kleinen Flächen rund 400 verschiedene Kartoffelsorten. Wenn in Deutschland ein Landwirt Kartoffeln anbaut, dann sind das in der Regel zwei Sorten: eine frühe und eine späte Sorte, von denen die eine meist festkochend und die andere mehlig ist. Sie heißen Ditta, Sieglinde oder Margit. Dem kann das peruanische Hochland als Wiege der Kartoffeln einiges entgegensetzen.

Schon die Inkas kultivierten Kartoffeln, seitdem sind mehr als 4.000 verschiedene Sorten entstanden. Nirgendwo sonst gibt es eine größere Vielfalt als in den Anden. Inzwischen ist die Vielfalt der in Peru kultivierten Kartoffelsorten stark bedroht, weil moderne, in Monokultur angebaute Hybridsorten weitaus mehr Erträge liefern und damit einheimische Sorten verdrängen.

Die Kleinbäuerinnen und –bauern von Agropia in Peru gehen einen anderen Weg. Die Mitglieder der Naturland Kooperative bewirtschaften Flächen in Höhenlagen zwischen 3.500 und 4.200 m in der südwestlichen Provinz Huancavelica. Rund 400 verschiedene Sorten werden von den Mitgliedern auf ihren insgesamt 100 ha kultiviert. Die größte Anbaufläche beträgt 5 Hektar, der kleinste Acker gerade einmal 0,1 Hektar.

Seit März 2015 ist die Kooperative Naturland Partner und zugleich Naturland Fair zertifiziert. 99 Kleinbauern in den Gemeinden Pazos, Castrovirreyna und Huaribamba kultivieren alte Kartoffelsorten, die „papas nativas“ nach Naturland Richtlinien. Für die blauen und roten Kartoffelchips werden 10 Sorten verwendet und in der eigenen Verarbeitungsanlage verarbeitet. Die Chips werden über dwp eG in Deutschland vertrieben. Viele andere Sorten sind für die Selbstversorgung und den lokalen Markt.

 

Sortenvielfalt sichert Erträge

papas nativas 250Rund 400 verschiedene Sorten werden von den Mitgliedern von Agropia kultiviert.Agropia sorgt dafür, dass die Kartoffelvielfalt auch in Zukunft erhalten bleibt. Die Formen- und Farbenvielfalt der Jahrhunderte alten, traditionellen Sorten ist enorm und reicht von weiß über gelb, blau, orange, lila bis hin zu bunten Farbkombinationen. Auch sind nicht alle einfach rundlich oval. Die Sorte „Pumapamaquin“ zum Beispiel weist vier tiefe Furchen auf und erinnert an die Pranke einer Raubkatze, was ihr auch den Namen eingebracht hat – Puma-Pfote. Aber die Kartoffeln sind nicht nur schön bunt und verschieden gewachsen, sondern perfekt angepasst an die kargen Bedingungen in den Anden. Die Sortenvielfalt erhöht die Sicherheit, dass es auch in Zukunft -unter veränderten Umweltbedingungen- Sorten gibt, die sich unter den neuen Bedingungen anbauen lassen. Die Einheimischen haben über Generationen die für sie besten Sorten ausgewählt. Sorten, die zum Beispiel gegen Frost oder vorkommende Schädlinge resistent sind und trotzdem ausreichend ertragreich sind. Das Geheimnis ist der bunte Mix. Die hohe Artenvielfalt reduziert auch das Ernterisiko durch Wettereinbrüche. Prognosen zufolge werden diese infolge des Klimawandels weiter zunehmen. Zusätzlich verbessert das Nebeneinander von verschiedenen Sorten auch die Schädlingsresistenz und vermindert das Risiko großer Missernten. Die Mitglieder der Kooperative dokumentieren alle Tätigkeiten und Arbeitsschritte des eigenen Kartoffelanbaus, um so die Erfahrungen weitergeben zu können. Außerdem unterhält Agropia eine eigene Saatgutbank mit hunderten Kartoffelsorten, um die Jahrhunderte alten Varietäten der Kartoffeln – das kulturelle Erbe Perus für die Welt – zu bewahren.

 

Viel Handarbeit

kartoffel inspektion 250Familie Avila Quilca überprüft die Entwicklung ihrer Kartoffeln.In den Höhenlagen der steinigen und steilen Andenregionen ist eine Landbewirtschaftung aufgrund der ungünstigen Klima- und Bodenbedingungen sowie relativ kurzer Vegetationsperioden nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Dadurch sind die Wachstumsphasen der Kartoffeln mit neun und zehn Monaten sehr lang. Bodenerosion durch Wind ist eine der Hauptbedrohungen der kargen Landschaft. Zum Schutz werden die kleinen Kartoffelparzellen mit Bäumen und Sträuchern eingegrenzt.

Die traditionellen Anbautechniken sind sehr arbeitsintensiv. Zwei bis drei Monate vor der Pflanzzeit wird der Boden vorbereitet. Bei der Pflanzung wird selbst gemachter Dünger verabreicht. In den Gemeinden Pazos y Castrovirreyna wird von Oktober bis November gepflanzt, in Huaribamba im Juni und Juli.

Weitere Arbeiten nach der Pflanzung sind Unkraut hacken, anhäufeln und regelmäßige Düngung. Krankheiten wie die Kraut- und Knollenfäule und Schädlinge werden mit unterschiedlichen biologischen Mitteln in Schach gehalten. Selbst der Kartoffelkäfer hat es bis hoch in die Anden geschafft und wird von Hand abgesammelt. Etwa sieben bis zehn Monate nach der Aussaat wird von Hand geerntet. Die Mitglieder helfen sich hierbei gegenseitig. Die Erträge variieren je nach Sorten erheblich. Die Chipssorten bringen je nach Saison zwischen 7 und 12 Tonnen Kartoffeln pro Hektar. Die Bauern und Bäuerinnen lagern die Ernte auf Holzvorrichtungen in den Häusern oder Schuppen.

 

Von der Kartoffel bis zum Chip

2014 wagte es die Kooperative, eine eigene Verarbeitungsanlage zu bauen. Die Anfangsfinanzierung für den Kredit und den Kauf des Grundstücks konnten die Kooperativenmitglieder dank des fairen Handels stemmen. Mit der eigenen Anlage kann die Kooperative die gesamte Verarbeitung der Kartoffeln übernehmen. Die blauen und roten Kartoffeln werden mit Schale schonend und so kurz wie möglich nach modernsten Standards frittiert. Zum Frittieren der Chips kommt fair zertifiziertes Bio-Palmöl aus Ecuador zum Einsatz. Die knusprigen Chips werden auch vor Ort eingetütet und für den Export versandt. Damit bleibt ein bedeutender Teil der Wertschöpfung in der Hand der Bäuerinnen und Bauern. Früher mussten die Kartoffeln zur Lohnverarbeitung bis in die Hauptstadt nach Lima gebracht werden.

Die fertig verpackten Kartoffelchips von Agropia gehen direkt an den Naturland Fair Partner dwp eG für die Vermarktung in Deutschland und Österreich.

Die einheimische Kartoffel ist zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell für die Bäuerinnen und Bauern geworden. „Mit der Vermarktung der Chips hat sich unsere wirtschaftliche Situation deutlich verbessert. So können immer mehr Mitglieder unserer Kooperative ihre Kinder zur Schule und auch auf weiterführende Schulen schicken. Meine Tochter lernt zum Beispiel Buchhaltung“, betonte Espirita Guerrero Romero, eine der Kartoffelbäuerinnen bei Agropia im Rahmen des Produzentenbesuchs zur Fairen Woche 2016.

Und auch sonst tut sich einiges in den kleinen indigenen Gemeinden im Hochland. Die Erzeuger machen die Erfahrung, dass sie ihre Zukunft aktiv gestalten können. So wird zum Beispiel demokratisch über die Verwendung der Fairprämien beraten und entschieden. Eine weitere entscheidende Verbesserung ist die Unterstützung der Frauen. Die Frauen nehmen nicht nur am Geschäft teil, sondern werden weniger diskriminiert und übernehmen immer häufiger auch Führungspositionen in der Kooperative.

Die Einzigartigkeit des Projekts liegt in der Bewahrung und wirtschaftlichen Nutzung fast ausgestorbener Kartoffelsorten. Für viele Produzenten sind „papas nativas“ nicht bloß Lebensmittel, sondern zugleich Erbe ihrer jahrtausendealten Kultur. Viele gute Gründe zu den roten und blauen exotischen Kartoffelchips zu greifen!

Zur Website: http://agropiaperu.com/

 los andes 780Die Mitglieder der Naturland Kooperative bewirtschaften Flächen in Höhenlagen zwischen 3.500 und 4.200 m in der südwestlichen Provinz Huancavelica.