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Vom Arzneimittel- zum Lebensmittelmarkt

Ihre Gründung ist einer Notlage zu verdanken: Mitte der 80-er Jahre waren die Getreidepreise im Keller und es fehlte vielen Bauern an Einkommensalternativen. Auf Initiative des Frankfurter Landesamtes schlossen sie sich zur Hessischen Erzeugergemeinschaft für Medizinal- und Gewürzpflanzen zusammen. Seither bedienen sie als Agrimed einen stetig wachsenden Markt.

Dr. Erika Schubert, die heutige Geschäftsführerin, erinnert sich noch gut an die Anfänge vor 28 Jahren. Ihr Vater gehörte zu den Erzeugern, die damals mit dem Anbau von Kräutern und Gewürzen begonnen haben. Die eigentliche Herausforderung waren nicht Saat und Kultur, sondern die Schritte danach: Die empfindliche Ernte musste äußerst schonend getrocknet und so gelagert werden, dass es keine Einbußen bei Qualität und wertgebenden Inhaltsstoffen gab. Vor allem aber mussten effiziente Wege gefunden werden, um Angebot und Nachfrage marktgerecht in Einklang zu bringen. Dr. Erika Schubert, die selbst Landwirtschaft studiert und darin promoviert hat, übernahm diese Aufgabe zunächst ehrenamtlich vom Hinterzimmer aus. Niemand hätte damals geahnt, dass Agrimed ein derartiges Wachstum bevorstehen würde, das schließlich zum Bau und Bezug des Verwaltungs- und Produktionsstandortes in Groß-Gerau führen sollte. Den Ausschlag dafür hat vor allem die rasante Entwicklung des Öko-Marktes gegeben. Unternehmen wie Herbacut, die heutige BioTeeManufaktur, und Lebensbaum entstanden. Damit stieg der Bedarf an hochwertigen, naturbelassenen Kräutern und Gewürzen nicht nur im Arzneimittel-, sondern auch im Lebensmittelbereich.

Öko-Anteil wächst weiter

Aufgrund der besseren Verdienstmöglichkeiten entschlossen sich immer mehr Landwirte der ersten Stunde dazu, ihren Kräuter- und Gewürzanbau auf ökologische Bewirtschaftung umzustellen. „Gerade weil wir die Marktchancen sahen, haben wir unsere Mitglieder aktiv dabei unterstützt“, erzählt Dr. Erika Schubert. „Wir stellten eigene Berater ein, entwickelten Informationsmaterialien und begannen, die Betriebe bei Bedarf während der verschiedenen Produktionsschritte zu begleiten.“ Als die Schwester-Genossenschaft Agrimed Rheinland-Pfalz aufgelöst wurde und weitere Mitglieder brachte, wurden zum ersten Mal die hessischen „Grenzen“ überschritten. Die ursprünglich rein regionale Ausrichtung verlagerte sich hin zu einer Philosophie, in der ökologisch erzeugte Rohwaren – möglichst in Verbandsqualität – eine immer größere Rolle spielen sollten. Heute liegt der Öko-Anteil bei rund 50 Prozent, Tendenz steigend. Dies ist unter anderem Naturland Bauern wie Christian Hennings zu verdanken, der im unterfränkischen Schwebheim rund 30 Hektar überwiegend mit Blattkulturen wie Baldrian, Melisse, Thymian, Petersilie, Bibernelle und Echinacea bewirtschaftet und damit zu den größten Mitgliedsbetrieben zählt. Um alle Kundenbedürfnisse zu erfüllen, hat Agrimed inzwischen auch internationale Lieferpartnerschaften aufgebaut. Süßfenchel beispielsweise lässt die Erzeugergemeinschaft von einem Naturland Partner in Ägypten anbauen, Brennnesselblätter kommen aus ungarischer Wildsammlung.

Marktinteresse verlagert sich

Der Arzneimittelbereich hat für Agrimed nach wie vor einen großen Stellenwert. Zwischen 60 und 70 Prozent der Rohstoffe, die über die Erzeugergemeinschaft vermarktet werden, dienen medizinischen Zwecken. Größere Wachstumschancen sieht Dr. Erika Schuster allerdings im Bereich der Gewürze, deren Anteil derzeit bei etwa 20 Prozent liegt und weiter ausgebaut werden soll. „Ökologische Herkunft ist für die Pharmahersteller zwar im Hinblick auf Reinheit und Wirkstoffgehalt wichtig, darf aber auf dem Arzneimittel nicht explizit ausgelobt werden“, erklärt die Geschäftsführerin. „Anders sieht es im Lebensmittelbereich aus, wo der Mehrwert insbesondere mit dem Zeichen eines Öko-Verbands wie Naturland viel höhere Margen ermöglicht.“ Allerdings werden von den Herstellern in diesem Bereich auch besonders hohe Qualitätsmaßstäbe gesetzt, wie Agrimed in der Zusammenarbeit mit dem langjährigen Naturland Partner Gewürzmühle Brecht gelernt hat. Aus diesem Grund hat sich die Erzeugergemeinschaft vor einem Jahr nach dem Managementsystem für Lebensmittelsicherheit ISO 22000 zertifizieren lassen. Die damit einhergehenden Kriterien zu erfüllen ist umso leichter, seitdem die neue Produktionshalle in Groß-Gerau alle Aufbereitungsschritte bis hin zur Verpackung der fertigen Waren ermöglicht. Auch die direkte Nachbarschaft zu Naturland Bauer Stefan Ruckelshaußen trifft sich gut. Er baut nicht nur Petersilie und Anis auf seinen Flächen an, sondern betreibt zudem eine Trocknungsanlage, die von anderen Mitgliedsbetrieben ebenfalls genutzt werden kann. Über ein Rohr gelangt die Rohware dann auf direktem Weg zu Agrimed.

Neue Partner sind willkommen

„Den Umzug nach Groß-Gerau und die Bündelung der Aufbereitungs- und Konfektionierungsschritte mussten wir strukturell erst einmal bewältigen“, meint Dr. Erika Schubert und verweist dabei auch auf die Umsatzzahlen, die sich im Laufe von rund drei Jahren verdoppelt haben. „Jetzt wollen wir unsere Beratungsarbeit wieder intensivieren und insbesondere in Thüringen weitere Landwirte für unsere Erzeugergemeinschaft gewinnen.“ Vor allem bei grünen Kräutern sieht sie noch deutliches Potenzial, das sie am liebsten über Naturland Partner decken würde. Auch wenn die Anschaffung der Spezialmaschinen zum Kräuter- und Gewürzanbau teuer und Arbeitsschritte wie Waschen und Roden zeitaufwändig sind: Der Markt ist nach wie vor stark wachsend und birgt gute Ertragschancen.