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Dr. Franz Ehrnsperger: Begründer einer eigenen Bio-Tradition


Es gibt Meldungen, die erschüttern die bayerische Volksseele bis ins Mark. Zum Beispiel, als bekannt wurde, dass ausgerechnet in den beliebtesten konventionellen Biersorten das Pestizid Glyphosat enthalten ist. Für Dr. Franz Ehrnsperger kam diese Meldung nicht überraschend. Schließlich erkannte er die landwirtschaftlichen Fehlentwicklungen bereits, als er 1971 die Geschäftsführung von Neumarkter Lammsbräu übernahm. Daher schlug er als Öko-Pionier eine ganz neue Richtung ein.

 „Fünf Generationen der Familie Ehrnsperger haben die Geschicke unserer fast 400 Jahre alten Traditionsbrauerei vor mir gelenkt“, erzählt Dr. Franz Ehrnsperger. „Deshalb stand für mich am Anfang meiner Aufgabe eine ganz entscheidende Frage: Wie will ich selber später einmal die Stafette an die nächste Generation weitergeben?“ Anfang der siebziger Jahre begann der Konzentrationsprozess in der Braubranche, man verzeichnete den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch und es war absehbar, dass ein gnadenloser Wettkampf um immer noch höhere Produktionsmengen und schiere Masse einsetzen würde. Hier wollte der junge Unternehmenschef ganz bewusst nicht mitmachen und stattdessen das bestmögliche Bier brauen. Auf der Suche nach entsprechend hochwertigen Rohstoffen führte ihn der Weg zum ökologischen Landbau, der damals noch in den Kinderschuhen steckte. Der Club of Rome hatte sich gerade erst formiert, Nachhaltigkeit war ein unbekanntes Wort, und die wenigsten Bauern konnten sich vorstellen, von den damals so gepriesenen Kunstdüngern und Pestiziden Abschied zu nehmen. So erwies es sich zunächst als sehr schwierig, passende Mitstreiter für die ökologische Neuausrichtung der Brauerei zu finden. Dennoch: Bereits 1987 konnte Neumarkter Lammsbräu das weltweit erste Bio-Bier auf den Markt bringen und seine damals aufgestellten Umweltrichtlinien konsequent weiterverfolgen.

Reinheitsgebot auf ökologische Art
Zusätzlichen Schub bekam das Vorhaben des jungen Unternehmers durch Einstellung eines Agraringenieurs. Er begleitete auch die Konzeption und Gründung von Lammsbräus Erzeugergemeinschaft für ökologische Brauereirohstoffe EZÖB, zu der zahlreiche Naturland Betriebe gehören. Umstellungsbereite Landwirte aus der Region wurden fortan von ihnen persönlich betreut und beraten. Diese direkte und partnerschaftliche Zusammenarbeit ist einer der zehn Grundsätze, denen Dr. Franz Ehrnsperger einen festen Platz in der Unternehmensphilosophie einräumte. Ein anderer ist das „ökologische Reinheitsgebot“ von Neumarkter Lammsbräu, das auf erbitterten Widerstand innerhalb der Branche stieß. „Der Gegenwind aus den eigenen Reihen war teilweise so stark, dass wir uns bei gerichtlichen Auseinandersetzungen unseren nachhaltigen Weg erkämpfen mussten“, erinnert er sich. „Später ging es uns bei der Einführung des ersten bio-zertifizierten Mineralwassers ebenso. Aber das ist wohl der Preis, den man als Pionier in Kauf nehmen muss.“ Dabei setzte Ehrnsperger damit nur um, was seiner Meinung nach den Erwartungen der Verbraucher in Sachen Reinheitsgebot entspricht. So wurden kompromisslos nur noch hochwertigste Rohstoffe aus ökologischem Anbau verwendet. Gerade in Anbetracht des Glyphosat-Skandals zeigt sich, wie richtig diese Entscheidung war. Als ebenso voraussehend erwies es sich, die Mälzerei im Haus zu belassen und diese wichtige Aufgabe nicht – wie viele andere Brauereien – an die großen Konzerne zu vergeben. „Wir können zu Recht sagen, dass wir alle Zutaten unserer rund 20 Biersorten kennen“, betont der Bio-Brauer. Selbst das Wasser, denn das stammt aus der eigenen BioKristallquelle.

Rettung für den Bauernstand
Kompromisse lehnt er in jeder Hinsicht ab, denn das würde dem hohen Anspruch an Qualität und Geschmack widersprechen. Aus diesem Grund werden bei Neumarkter Lammsbräu ausschließlich Naturhopfen-Dolden verwendet und nicht, wie heute bei 95 Prozent aller Brauereien üblich, Hopfenextrakte oder -pellets. Nach wie vor gibt es nur wenige Landwirte, die die aroma- und charaktergebende Bierzutat auf ökologische Weise kultivieren. Wer den Weg wagt, muss nämlich nicht nur auf konventionelle Spritz-, Dünge- und Ätzmittel verzichten, sondern braucht auch Fingerspitzengefühl für die Bedürfnisse der anspruchsvollen Pflanzen und sehr viel Zeit: 350 bis 400 Arbeitsstunden investiert ein Landwirt pro Jahr, um gerade mal einen Hektar Land mit Öko-Hopfen zu bestellen. Als Marktführer für Bio-Bier ist Neumarkter Lammsbräu ein besonders wichtiger Abnehmer, der seine Lieferanten deutlich über Marktniveau bezahlt. „Der Mehrpreis von einem Euro pro Kasten ist kaum der Rede wert wenn man bedenkt, dass dadurch viele tausend Hektar Fläche geschützt, regionale Arbeitsplätze geschaffen und unsere bayerischen Kulturlandschaften erhalten werden“, meint Dr. Franz Ehrnsperger. „Unsere Kunden ermöglichen durch ihren Kauf nachhaltigen Umweltschutz und bekommen dazu ein erstklassiges Bier.“ Getreu der Initiative „Fair zum Bauern“, die man 2006 ins Leben gerufen hat, machte sich die Brauerei auf breiter Ebene stark für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Mit der EZÖB verhandelt sie die Preise inzwischen für fünf Jahre im Voraus am runden Tisch. Dadurch wird ein Zusatzeinkommen von mehr als 500.000 Euro jährlich gesichert und zugleich Raum geschaffen, um bei den Treffen dazwischen wichtige Themen der Nachhaltigkeit voranzubringen.

Nachahmung ausdrücklich erwünscht
Nicht der kurzfristige betriebswirtschaftliche Gewinn, sondern die Herstellung erstklassiger Produkte im Einklang mit der Natur macht für Dr. Franz Ehrnsperger seit jeher den wahren Unternehmenserfolg aus. Der Jubilar kann in dieser Hinsicht eine beeindruckende Bilanz ziehen und hat mit seinem ökologischen Vorzeigebetrieb viele Menschen zur Nachahmung inspiriert. Die Stadt und ihre umliegenden Gemeinden gehören inzwischen zu den Ökomodellregionen, die im Rahmen der Initiative BioRegio 2020 von der Bayerischen Staatsregierung besonders gefördert werden. Dem Vorbild der Brauerei ist auch die Entstehung neuer Erzeugergemeinschaften zu verdanken, über die so mancher Hersteller inzwischen seinen Bedarf an regionalen Öko-Rohstoffen sichert. „Gerade bei uns in Bayern entwickelt sich der Öko-Landbau auf sehr vielversprechende Weise und es ist endlich das Bewusstsein für Nachhaltigkeit entstanden, das ich mir vor mehr als 30 Jahren so sehr gewünscht habe“, freut sich Dr. Franz Ehrnsperger. Aus dem Deutschen Umweltpreis, den er selbst im Jahr 2001 erhalten hat, ist der Nachhaltigkeitspreis der Neumarkter Lammsbräu hervorgegangen, der seit 2002 an herausragende Unternehmen und Initiativen verliehen wird. Und auch wenn der Bio-Brauer 2009 die operativen Geschäfte an Susanne Horn übergeben hat: Die ökologische Weiterentwicklung in Bayern – und darüber hinaus – wird er weiterhin engagiert begleiten.