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Florian Reiter vom Chiemgauhof Locking hat sich auf die Haltung und Züchtung alter Haustierrassen spezialisiert. Auf dem Hof leben heute Schwäbisch-Hällische Schweine und Les Bleus-Hühner.

Vor allem die Zweinutzungshühner Les Bleus werden gut vermarktet, entweder vom eigenen Hof oder in Bio-Läden in der Umgebung.

Florian Reiter ist gerne Bauer, Bauer im ursprünglichen Sinn. Er durchlief eine klassische landwirtschaftliche Ausbildung, die ihn allerdings eher abschreckte als motivierte. Der ständig propagierte Wachstumsdruck, die dazu nötige, immer weitere Spezialisierung und die daraus folgende, immer größer werdende Abhängigkeit von der vor- und nachgelagerten Wirtschaft hielten ihn davon ab, den elterlichen Milchviehbetrieb weiter zu führen.

Florian baute sich statt dessen zunächst als sicheres Standbein ein Gewerbe für Baumpflegearbeiten auf, welches sich gut mit der Arbeit im eigenen Wald ergänzt, da hier die gleichen Fertigkeiten und Geräte gebraucht werden. Diesen Betrieb führt er bis heute neben seiner Landwirtschaft. Doch zugleich war er auch immer auf der Suche nach einer Art von Landwirtschaft, die ihm zusagte. Als er vor Jahren die Freiland-Schweinehaltung auf dem Betrieb Max Scherm in Niederbayern kennenlernte, sah er zum ersten Mal, dass Nutzschweine frei herumlaufen können. Dieses Erlebnis hat ihn nachhaltig beeinflusst, er wusste, so eine Art von Landwirtschaft möchte er auch praktizieren. Schweine waren immer schon Bestandteil des Lockingerhofes, auch zu den Zeiten als noch Milchvieh der Schwerpunkt war. Florian Reiter erkannte, wie vielfältig landwirtschaftlichen Betriebe früher waren, schon aus Gründen der Selbstversorgung. Diese verlorengegangene Vielfältigkeit wollte er wieder aufleben lassen.chiemgauhof 2Der Chiemgauhof Locking: Idylle 60 km südöstlich von München in Oberbayern zwischen Wasserburg und dem Chiemsee.

So wurde vor rund sechs Jahren wieder mit der Landwirtschaft auf dem Lockinger Hof begonnen, die ersten vier schwäbisch-hällischen Zuchtsauen wurden gekauft und kamen natürlich sofort auf die Weide. Die Schweine leben im Familienverband mit Eber, die Ferkel werden nach vier Monaten von der Muttersau getrennt. Zur Geschlechtsreife mit etwa sieben Monaten werden dann die männlichen Tiere von ihren weiblichen Geschwistern getrennt, da auf dem Betrieb Locking die Eber nicht kastriert werden. Sie kommen in ein eigenes Gehege. Die Schweine fressen im Sommer mindestens 50Prozent Grünfutter, im Winter werden Graskobs vom eigenen Grünland zugefüttert. Da die Grasprodukte viel Calcium und Mineralstoffe enthalten, wird auf Mineralfutter verzichtet. Weil die Tiere durch die extensive Fütterung langsamer wachsen, werden sie 18 Monate gemästet.

Dass auch Geflügel gehalten werden sollte, war Florian von Anfang klar, ebenso, dass dies sicherlich nicht mit Legehybriden erfolgen würde. Es wurden 50 Hennen einer „bayrischen Landrasse“ angeschafft. Die ernüchternden Ergebnisse bei der Legeleistung zeigten jedoch schnell, dass eine Entscheidung zwischen Liebhaberei und Wirtschaftlichkeit getroffen werden musste. Die Entscheidung fiel auf Wirtschaftlichkeit. Es wurde eine wirtschaftliche Zweinutzungsrasse gesucht, keine Konzernhybriden. Nach langen Nächten im Internet entdeckte Florian Reiter die Naturland Geflügelbrüterei Hetzenecker. Christian Hetzenecker machte damals erste Versuche mit der Rasse „Les Bleues“, die Ergebnisse bewogen Florian Reiter dazu, seine ersten 200 Les Bleues-Hennen zu bestellen. Es entwickelte sich sehr schnell eine gute Zusammenarbeit mit der Brüterei, da Reiter und Hetzenecker sich auf Anhieb gut verstanden. Dies war im Jahre 2010. Aufgrund von einigen Zweinutzungshuhn-Projekten (Naturland Ei-care, Herrmannsdorfer Landhuhn) herrschte plötzlich großer Bedarf an Les Bleues-Hennen, und da Florian Reiter in seinen Legehennen-Herden immer auch einige Hähne mitlaufen lässt, war es möglich, die Brüterei mit befruchteten Eiern des Rassegeflügels zu beliefern. Die Legehennen werden im alten Milchviehstall in Bodenhaltung auf Stroh gehalten. Sie haben Zugang zu einer großen Kleegrasweide, auf die zur Förderung der Aktivität regelmäßig ganze Getreidekörner gestreut werden. Zur Parasitenprophylaxe wird hin und wieder Knoblauch benutzt. Die Fütterung der Hennen erfolgt wie früher von Hand in Trögen. In Kombination mit der Aktivitätsförderung auf der Weide sorgt dies laut Florian Reiter für friedliche Hennen. Damit das System „Zweinutzungshuhn“ zu Ende gedacht ist, aber natürlich auch um die Produktvielfalt zu erweitern, werden auf dem Chiemgauhof Locking auch die männlichen Geschwister der Legehennen gehalten. Es werden pro Jahr circa 600 Masthähnchen erzeugt und als „Lockinger Gockerl“ vermarktet.

chiemgauhof 3Florian Reiter nennt seinen Hof örtlich wie symbolisch Chiemgauhof.Sowohl beim Geflügel als auch bei den Schweinen werden beide Geschlechter gehalten, die Eber sind nicht kastriert. Es gehört zur Grundphilosophie des Betriebes, alles so artgerecht und naturnah wie möglich zu belassen. Die Tiere sind dadurch zufrieden und ausgeglichen. Vor allem die Eber sind durch den Verzicht auf die Kastration frohwüchsiger, vitaler und sie werden weniger fett. „Ebergeruch“ ist laut Florian Reiter wohl hauptsächlich ein Problem der auf hohe Tageszunahmen gezüchteten Rassen und der, das schnelle Wachstum fördernden, hochwertigen Futter-Eiweißkomponenten.

Ebenfalls für die Direktvermarktung werden Kartoffeln angebaut. Es kommen die Sorten Ditta, Granola und Agria zum Einsatz damit alle drei Kochtypen abgedeckt sind. Vor den Kartoffeln steht eine Ölrettich-Zwischenfrucht, gedüngt wird mit dem betriebseigenen Mist. Bei der Ernte helfen viele Verwandte mit, gelagert werden die Knollen im Erdkeller, wo sie ohne jegliche künstliche Klimatisierung bis zum nächsten Anbau halten.

Die Vermarktung der Produkte findet zu etwa zwei Dritteln direkt ab dem Chiemgauhof Locking statt, zu einem Drittel über Bioläden in der näheren Region. Die Produktpalette besteht aus den Eiern der Les Bleues-Hühner mit ihrer ganz typischen, marmorartigen Schale. Schlachtgeflügel gibt es ganz und in Teilen, ebenso Suppenhühner. Die weiblichen Schweine werden küchenfertig zerlegt, Restfleisch wird zu Wurst und Hackfleisch verarbeitet. Die Masteber werden größtenteils zu Salami und Rauchfleisch veredelt. Das Problem „Eber mit Ebergeruch“ gab es bisher eigentlich nicht.

Die grundsätzliche Philosophie des Chiemgauhofs Locking umschreibt Florian Reiter etwa so: Die Technisierung ist nur bis zu einem gewissen, natürlichen Verhältnis zum Nutzen sinnvoll. Fortschritt bedeutet mehr als technologische Verbesserung und Beschleunigung. Es braucht nicht das Perfekte, sondern das Realisierbare. Die Tiere brauchen wieder Zeit zum Wachsen und die Bauern den Kontakt zum Verbraucher, um ihm die Landwirtschaft zu erklären. Wir lassen die Sau wieder raus – auf die Weide – und töten keine Küken!

 

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