Naturland e.V.

Geplante Änderungen in EU-Öko-Verordnung vervielfachen Zertifizierungskosten für Kooperativen – Gemeinsamer Brief von Fairhandelsakteuren

Kakao Qualitaetskontrolle SaoTome 350Kakao-Qualitätskontrolle in Natuland Kleinbauernkooperative auf Sao Tomé.Gräfelfing, 15.09.2020 – Ob Kaffee, Kakao, Bananen oder Rohrzucker: Viele Bio-Produkte unseres täglichen Bedarfs werden von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in den Ländern des globalen Südens erzeugt. Faire Preise sind für sie ebenso wichtig, wie eine sichere und kostengünstige Zertifizierung. Genau hier drohen geplante Änderungen im Kontrollsystem der EU nun aber ausgerechnet die kleinbäuerlichen Betriebe finanziell massiv zu belasten.

„Die EU-Kommission will die Zertifizierung von Erzeugergruppen eigentlich sicherer machen. Die Vorschläge, die dazu auf dem Tisch liegen, werden aber eher das Gegenteil bewirken“, warnt Steffen Reese, Geschäftsführer des Öko-Verbands Naturland und Vorstandsmitglied im Forum Fairer Handel. In einem gemeinsamen Brief appellieren Naturland, das Forum Fairer Handel, das Fairhandelshaus GEPA und Fairtrade Deutschland deshalb an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, sich in Brüssel für praktikablere Lösungen einzusetzen.

Kleinbäuer*innen verlieren Einkommenschancen im öko-fairen Handel

„Die Vorschläge der EU bedeuten, dass die Kooperativen ihre knappen Ressourcen künftig für unnötige neue Verwaltungsstrukturen und höhere Zertifizierungskosten ausgeben müssen, statt sich auf die Schulung ihrer Mitglieder und die Weiterentwicklung ihres internen Kontrollsystems zu konzentrieren. Dadurch wird das Gesamtsystem nicht gestärkt, sondern eher geschwächt, wenn nicht gar zerschlagen“, sagte Reese am Dienstag in Gräfelfing.

Denn Brüssel will nicht nur die Zahl der Stichprobenkontrollen deutlich erhöhen, sondern auch die Größe der einzelnen Kooperativen auf maximal 2.000 Mitglieder beschränken – was an der Realität in vielen Ländern des Südens mit Tausenden von Kleinstbetrieben völlig vorbeigeht. Zusätzlich sollen die Kooperativen auch den Zertifizierungsprozess künftig selbst organisieren, was sie zusätzlich belasten würde. Bislang wird dies in der Regel von den Exporteuren und Verarbeitungsunternehmen übernommen.

Beispiel Uganda: Zertifizierungskosten vervierfacht

Was die geplanten Änderungen in der Praxis bedeuten können, hat das Fairhandelshaus GEPA am Beispiel der Naturland Fair zertifizierten Ankole Coffee Producers´ Cooperative Union (ACPCU) in Uganda hochgerechnet. Für die rund 8.200 Kleinbäuer*innen fallen dabei bislang Kontrollkosten von insgesamt rund 12.000 Euro an, einschließlich Analysekosten. Die Pläne der EU-Kommission würden dazu führen, dass sich diese Kosten mehr als vervierfachen, auf insgesamt knapp 50.000 Euro. Für die Kooperative sind diese Mehrkosten kaum zu schultern.

„Hier droht, dass viele kleinbäuerliche Familien wichtige Einkommenschancen verlieren – und zwar nur deshalb, weil Brüssel ihnen unnötige Kosten für den Marktzugang aufbürdet, die sie selbst nicht tragen können“, mahnte Naturland Geschäftsführer Reese. Wenn Kooperativen deshalb gezwungen seien, den Öko-Landbau aufzugeben, wären zudem auch viele Öko-Projekte der Bundesregierung und der Bundesländer im globalen Süden gefährdet. Zwar habe die Kommission gegenüber den anfänglich noch radikaleren Plänen zum Teil schon etwas nachgebessert, etwa was die Gruppengröße angehe. Doch weitere Verbesserungen seien unerlässlich. „Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner muss sich deshalb in Brüssel vor allem dafür einsetzen, dass die Zertfizierung der Kooperativen auch weiterhin durch Exporteure und Verarbeitungsunternehmen organisiert werden darf“, forderte Reese.

Hintergrund

Kooperativen und Erzeugergemeinschaften spielen im ökologischen Landbau außerhalb von Europa eine tragende Rolle. In vielen Ländern Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas organisiert eine einzelne Kooperative dabei oft mehrere Tausend Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die allein häufig kaum mehr als einen Hektar bewirtschaften. Um hier eine effektive und zugleich bezahlbare Öko-Kontrolle nach europäischem Standard zu ermöglichen, arbeiten die Kooperativen mit einem internen Kontrollsystem (ICS).

Das ICS regelt, wie die Mitglieder der Kooperative sich gegenseitig selbst auf die Einhaltung der Öko-Standards kontrollieren. Die EU-Kontrollstelle muss dann nicht mehr jeden Kleinstbetrieb einzeln kontrollieren, sondern überprüft in erster Linie das korrekte Funktionieren des ICS. Dazu kommen zur Absicherung risikobasierte Stichprobenkontrollen sowie Rohstoffanalysen.

Die Pläne der EU-Kommission sehen nun u.a. vor, die Mindestzahl der Einzelkontrollen und Rohstoffanalysen auf fünf bzw. zwei Prozent festzuschreiben, unabhängig vom Risiko. Zudem soll eine Kooperative nur noch maximal 2.000 Mitglieder umfassen dürfen. Je nach derzeitiger Mitgliederzahl einer Kooperative würde diese Neuregelung in vielen Fällen ein Drei- bis Vierfaches an Kontrollen bedeuten. Dazu käme ein erheblicher Verwaltungsaufwand durch die Aufteilung der Kooperativen.

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